"Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden" (1 Joh 3,2)

deutsch
english
français



Penelope in Davos

 

(Dieser Text ist erschienen in: Ina Praetorius, Immer wieder Anfang. Texte zum geburtlichen Denken, Ostfildern 2011, 105-116)

English version


Penelope ist mir begegnet, als ich im Januar 2006[1]  zum zweiten Mal als kritische Beobachterin am „Open Forum“, dem öffentlichen Teil des alljährlichen Weltwirtschaftsforums von Davos teilgenommen habe. Zwischen blasierten Bankern und besorgten Antiglobalisierungsdemonstrantinnen, knatternden Helikoptern und medienwirksam verschneiter Alpenkulisse stand sie plötzlich vor mir, die Königin von Ithaka, inmitten der reichsten und mächtigsten Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts, die sich hier oben in den Schweizer Bergen einmal pro Jahr zu Gesprächen, Banketten, Parties und anderem treffen.

 

Vom König Odysseus, der seine Insel verlässt, um erst in den Krieg und dann auf Weltreise zu gehen, hatte man mir schon in meiner Kindheit erzählt. Auch von seiner Ehefrau, die treu und langweilig zuhause auf die Rückkehr des Mannes wartet. Aber ich hatte beide wieder vergessen. In meinen rebellischen Jahren hatten wir uns mit Antigone und Penthesilea, mit Artemis und der thrakischen Magd beschäftigt. Sie passten besser ins feministische Weltbild als die wartende Ehefrau.

Aber dann war sie plötzlich wieder da.

 

Unten im Saal zechen die Heiratskandidaten. Sie wollen Penelope davon überzeugen, dass ihr abtrünniger Mann längst umgekommen ist, irgendwo auf den Weltmeeren. Sie soll gefälligst wieder heiraten, damit ein anderer Mann den Thron von Ithaka erbt. Aber sie will nicht. Sie findet einen Vorwand, dem die Thronanwärter nichts entgegenzusetzen haben, weil er in Tradition gründet: Für ihren alten Schwiegervater Laertes müsse sie noch das Leichentuch weben, sagt Penelope, erst dann könne sie sich wieder an einen Mann binden. Und sie beginnt zu arbeiten, zusammen mit Freundinnen, in der Webstube. Nachts trennt sie das Tuch wieder auf, um Zeit zu gewinnen. Penelope webt und trennt, trennt und webt, webt und trennt, Jahre lang. Entdeckt wird ihr Trick erst kurz vor der Rückkehr des Mannes. Sie hat ausgehalten, der Mann kehrt zurück. Happy End.

 

Hier in Davos könnten wir uns hinsetzen, vor die polizeibewehrten Eingänge zum Kongresszentrum: Frauen an Webstühlen. Wir könnten weben und trennen, trennen und weben, weben und trennen, schweigend, ohne Kommentar. Und dann würden wir vielleicht mit den millionenschweren Global Players, die man inzwischen einfach „Davosmenschen“ nennt, ins Gespräch kommen: in ein ernsthaftes, ein unzynisches Gespräch über den Sinn des Ganzen. Über die Frage, was eigentlich Leben ist und warum es sich lohnt dazusein. Über das fragile Gewebe, den komplizierten Text Welt. Über die Notwendigkeit, die allzu einfachen Muster vorsichtig aufzutrennen und bessere zu erfinden. - Die Banker und Manager, die Chinesen, Inder, Amerikanerinnen, Prominente und Milliardäre von überallher würden irgendwann womöglich stehen bleiben, schauen, staunen und zuhören - ein Ding der Unmöglichkeit für jede, die weiss, wie es Ende Januar in Davos zugeht. Aber meine Phantasie ist schliesslich frei. Und immerhin hat David schon einmal Goliath besiegt. Weshalb sollte nicht Penelope mit Davosmenschen ins Gespräch kommen? - Ich wünsche mir, dass wir es wirklich tun irgendwann. Dann würde der Davosmensch uns endlich zuhören und umkehren. So wie damals der Zöllner Zachäus, als er Jesus begegnet war (Lk 19, 1-10).  Happy End.

Eine Aktion „Penelope in Davos“ hat es aber bis heute nicht gegeben. 

 

 Anknüpfen

 

Immerhin haben sich Frauen eingefunden, die mein noch unausgegorenes Interesse für die eigenartige Vorfahrin teilen: Lehrerinnen für textiles Werken, mit denen ich schon jahrelang unterwegs gewesen war. Unsere Zusammenarbeit hatte in den Neunziger Jahren mit der beruflichen Not der modernen Weberinnen begonnen. In den Schulen hatte man, als die Wirtschaft boomte und alle nur noch Englisch und Computer lernen sollten, angefangen, die „typisch weiblichen“ Fächer Handarbeit und Hauswirtschaft abzuschaffen. Wir hatten deshalb eine öffentliche Debatte über den Wert und die Bedeutung dieser vermeintlich unnützen Schulfächer angestossen. Am 4. November 2000 hatte es eine grosse Tagung zum Thema „Daseinskompetenz“ in Kreuzlingen am Bodensee gegeben.[2] Mehr als fünftausend Menschen hatten in der Folgezeit die Resolution „Daseinskompetenz ist unverzichtbar in der Bildung“ unterschrieben, die wir im Mai 2001 der schweizerischen Konferenz der Bildungsministerinnen und –minister übergaben. Das war ein Erfolg. Inzwischen wird die Frage nach der Zukunft der Bildung und des Bildungsbegriffs wieder in vielen  Kommissionen, Texten und Initiativen verhandelt, auch auf dem Kongress „Am Ende des Patriarchats – neu über gutes Leben nachdenken“ im Spätsommer 2002 in Salzburg.[3] Am 17. Mai 2010 habe ich in der Zeitung gelesen, dass die Fächer der Daseinskompetenz wieder aufgewertet werden sollen.[4] Happy End?

 

Diese Lehrerinnen also verstanden meinen Wunsch, mich mit Penelope der Weberin anzufreunden, ohne viele Erklärungen. Wir machten uns gemeinsam auf den Weg.

 

 Auftrennen

 

Am 1. März 2006 trafen wir uns in meiner Wohnstube in Wattwil. Sollten wir es wagen, im folgenden Januar, im Januar 2007, nach Davos zu fahren, mit Webstühlen mitten hinein ins Meeting der rasenden Players?

 

Zuerst mussten wir uns mit Penelope näher bekannt machen. Wir vergegenwärtigten uns die uralte Geschichte, so wie sie uns aus Kinder- und Jugendtagen vage im Gedächtnis haften geblieben war. Wir lasen die Odyssee,[5] und wir lasen, was andere über Penelope gedacht und geschrieben hatten:

Schon in der Antike wurde sie gepriesen als das Urbild der treuen, sittsamen, häuslichen Ehefrau. In späteren Zeiten, bis ins griechenlandbegeisterte 18. und 19. Jahrhundert und darüber hinaus, setzt sich diese Auslegungstradition fort. Die daheim gebliebene Ehefrau wird, als leuchtendes Vorbild, anderen mythologischen Frauengestalten gegenüber gestellt, der Klytämnestra zum Beispiel, die ihren Mann Agamemnon, als er aus Troja heimkehrt, zusammen mit ihrem Geliebten Ägisth ermordet. Oder der schönen Helena, die durch ihre Unentschlossenheit zum Anlass für den Krieg um Troja wird. Oder den begehrlichen Vamps aus der Odyssee: der Nymphe Calypso, der Zauberin Circe, den Sirenen. In Platons „Phaidon“[6] gerät Penelope in einen Gegensatz zu Xanthippe, der Frau des Sokrates: Während Xanthippe „typisch weiblich“ den bevorstehenden Tod ihres Ehemannes beklagt, ist, so Platon, Penelope weise genug, der Auftrennung zuzustimmen. Penelopes Trennarbeit wird hier zum Bild für die Liebe der Philosophen zum trennenden Tod, der als die rettende Ablösung des Körpers von der Seele erscheint.

 

Platon benutzt Penelope für einen sehr seltsamen Zweck. Aber das Beispiel zeigt: sie war  schon immer mehr als die gutmütige Ehefrau, die, genötigt von einem Haufen zudringlicher Mannsbilder, eine absurde Verzweiflungstat ersinnt. Auch eine alleinerziehende Mutter ist sie, und obwohl sie hartnäckig auf die Rückkehr ihres Ehemannes wartet, kann man nicht behaupten, sie lasse sich grundsätzlich von Männern dirigieren. Aus einer Schar von Verehrern macht sie sich offensichtlich wenig. Im Gegenteil, diese Männer, die sich für sie und den Königsthron von Ithaka interessieren, führt sie an der Nase herum. Homer preist Penelope als klug, begehrenswert, eigensinnig und listig.

In unseren Wohnstubengesprächen kristallisierten sich allmählich Vorlieben für verschiedene Aspekte oder Dimensionen der Figur heraus: Eine interessiert sich vor allem für Penelopes Listenreichtum, eine andere für das Weben und Auftrennen als Realität und als Metapher, und mir hatte es besonders das Warten angetan: das geduldige Ausharren, bis etwas Neues beginnt.

Als klug wird Penelope im übrigen nicht nur beschrieben, weil sie Listen ersinnt, um zu bekommen, was sie will. Klug müssen die Weberinnen der Antike schon deshalb gewesen sein, weil ihre Webmuster komplizierte mathematische Berechnungen voraussetzten.[7] Wir nahmen Abschied von unserer anfänglichen Vorstellung, das Leichentuch für Laertes sei schlicht und einfarbig gewesen. Als Mathematikerin und Künstlerin lernten wir Penelope kennen.

 

Wenn wir Freundinnen nach ihrem Bild der Penelope fragten, bekamen wir aber fast immer dieselbe abschätzige Antwort: „Das ist doch diese Stubenhockerin, die ewig auf ihren Helden wartet...“ Auch feministische Altphilologinnen bestätigen, Homer habe in Gestalt von Odysseus und Penelope die Entstehung des patriarchalen Eheverhältnisses vor- oder nachgezeichnet und das entsprechende Frauenbild zur Norm erklärt und überhöht: das Bild der Frau, die, statt selbst etwas zu wollen, sich ganz der Führung ihres Mannes überlässt und, ihm und seinen Interessen folgend, ohne eigenes Begehren, ihren Wirkungskreis auf die Haushaltsführung und die Kindererziehung beschränkt.[8]

Zu diesem Befund passt, dass es Athene ist, die Odysseus auf seiner Reise nach hause beschützt. Athene ist die Göttin, die nicht von einer Frau geboren wurde, sondern dem Kopf des Zeus entstiegen ist. Eine Kopfgeburt also wacht über das Ehepaar Penelope und Odysseus und sorgt am Schluss dafür, dass alles in patriarchal geordnete Bahnen gelenkt wird: der Mann kehrt heim und übernimmt wieder die Regie. Die Frau ist zufrieden und tut, was er befiehlt. Happy End?

 

 Neu weben

 

„Ich weiss aus eigener jahrelanger Erfahrung, dass die Odyssee immer neue Überraschungen bereit hält, ganz egal, wie oft ich sie wieder lese.“[9]

 

Dieser Satz des amerikanischen Altphilologen Van Sickle ermutigt uns, über das Naheliegende hinauszugehen. In der Zeit des ausgehenden Patriarchats, da alle möglichen vermeintlichen Sicherheiten zerbrechen und sich ungeahnte Freiräume für die Neugestaltung des menschlichen Zusammenlebens eröffnen, in der gleichzeitig Sehnsüchte nach neuen Sicherheiten sich melden, lesen wir den uralten Text noch einmal neu. Unbeeindruckt von all den Interpreten, die in Penelope nichts anderes sehen wollen als eine vorbildliche Ehefrau. Unbeeindruckt auch von den feministischen Forscherinnen, die Penelope abgeschrieben haben, weil sie die gängige Auslegung für endgültig halten.

 

Fast nichts ist festgelegt, auch nicht feministische Glaubensbekenntnisse. Wir glauben zum Beispiel nicht, dass Frauen ihr Ziel schon erreicht haben, wenn sie alles, was das Patriarchat als „typisch weiblich“ trivialisiert hat, Fürsorge, Hausarbeit, Handarbeit, weit von sich weisen und sich Lebensmustern zuwenden, die man höher bewertet: Management, Markt, Konkurrenz, Abenteuer, die nahezu unbegrenzte Flexibilität des Global Players. Wir glauben nicht, dass Menschen ohne verbindliche Bezugsgewebe, nur auf Selbstverwirklichung bedacht, gut leben können. Wir glauben, dass es geordnete Beziehungen auch in postpatriarchaler Zeit geben wird, und wir wollen darüber nachdenken, wie sie aussehen könnten. Dass Männer unverbesserliche Rambos sind, von denen Frauen sich am besten möglichst fernhalten, glauben wir nicht. Penelope ist zu klug, um auf einen Taugenichts zu warten, bloss weil eine Tradition ihr diese Rolle zugewiesen hat. Weshalb eigentlich sollte Odysseus sich nicht verändern im Krieg und auf seiner langen Irrfahrt? Zwar schlägt er nach seiner Heimkehr zunächst wieder zu: seine Konkurrenten werden allesamt niedergemetzelt. Aber es gibt auch Anzeichen, dass es sich gelohnt hat, gerade auf ihn, den Listenreichen zu warten. Schon als junger Mann war Odysseus nämlich nicht wegen seiner Körperkraft, sondern, auch er, wegen seiner Klugheit berühmt. Es gibt zum Beispiel eine nicht von Homer, sondern anderswo überlieferte Geschichte, Odysseus habe sich vehement dagegen gewehrt, in den Krieg gegen Troja zu ziehen, habe dafür sogar in Kauf genommen, als wahnsinnig zu gelten.[10] Und er ist ein Mann, der mit seiner Frau nicht nur schläft, sondern auch spricht.[11]

 

Ist eine Penelope vorstellbar, die auf Odysseus nicht wartet, um einer patriarchalen Norm zu genügen, sondern weil sie gute Gründe hatte, diesem Mann etwas zuzutrauen? Warten nicht auch wir heutigen Frauen, wenn wir ehrlich sind, darauf, dass Männer verändert von ihren Irrfahrten zurückkehren? Weil die notwendige neue Ordnung sich nun einmal nicht gestalten lässt, ohne dass auch die Angehörigen des anderen Geschlechts eine gute Zukunft wollen und sich aus Liebe zur Welt von machtgierigen Kriegern wandeln in etwas anderes? In was? Das interessiert uns, so wie es auch Penelope interessiert hat. Mir jedenfalls ist es in Davos besser gegangen von dem Augenblick an, in dem mir klar wurde, dass auch vermeintlich unverbesserlich profitgierige Männer und Frauen fähig sind, Neues zu beginnen.

 

Postpatriarchales Denken hat viel mit der Fähigkeit zu tun, sich für Überraschungen zu öffnen, auch über feministische Tabus hinweg. Wir sind neugierig, was auf dieser Welt noch alles passieren wird, nachdem sich das vermeintliche Happy End Patriarchat als Sackgasse erwiesen hat, aus der wir wieder heraus finden sollten, wenn wir denn eine lebenswerte Zukunft wollen. Homer sagt nicht, wie das Zusammenleben des erwachsen gewordenen Paares Penelope und Odysseus nach der glücklichen Wiedervereinigung aussehen wird. Werden sie zusammen bleiben? Oder wird Penelope das Zusammensein mit Frauen vorziehen, das sie in ihrer Webstube geübt hat? Wird sie endlich doch ausbrechen und fliehen wollen? Wird sie von Odysseus enttäuscht sein? Weil er nichts dazu gelernt hat? Wird er, getrieben von seiner Abenteuerlust, wieder auf Reisen gehen und den Tod im Meer finden, wie wir es in Dantes Divina Commedia nachlesen können? Oder wird er auf den Rat der Athene hören, die am Schluss der Odyssee zum Frieden mahnt:

 

„Männer von Ithaka, haltet ein mit dem schrecklichen Kampfe,

Geht jetzt rasch auseinander, ohne noch Blut zu vergiessen...

Göttlicher Laertiade, erfindungsreicher Odysseus,

Höre nun auf zu streiten im allen verderblichen Kampfe,

Dass der Kronide, der weitum schauende Zeus, dir nicht zürne...“[12]

 

Athene ist zwar eine Kopfgeburt. Aber sie scheint das Patriarchat nicht um seiner selbst, sondern um des Friedens willen zu wollen. Heute wissen wir, dass die zweigeteilte Weltordnung den Frieden nicht bringt. Deshalb hören wir den Aufruf der Göttin neu – und denken diesseits ihrer Ordnungsvorstellungen darüber nach, wie Frieden werden kann.

 

 Auftrennen

 

Adriana Cavarero hat in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Text über Penelope geschrieben, in dem auch sie die Odyssee von der Webstube her gegen den Strich liest.[13] Ihre Überlegungen konzentrieren sich auf die Frage, was in der Webstube, im Raum der Frauen, geschieht. Laut Cavareros Interpretation ist Penelope kein fügsames Element in der Ordnung, sondern eine Fremde in der patriarchalen Weltkonstruktion. Scheinbar folgsam bleibt die verlassene Königin zwar in dem ihr zugedachten Raum, aber sie „grenzt sich ... durch endloses Weben und Auftrennen einen Ort ab, wo sie niemandem als Gemahlin angehört.“[14] Dass sie sich dem Patriarchat nicht fügt, kommt in der scheinbaren Absurdität des Auftrennens zum Ausdruck: Penelope erfüllt nicht die ihr zugedachte Funktion. Statt ununterbrochen nützliche Dinge für eine ihr feindliche Ordnung herzustellen, verweigert sie sich der Vereinnahmung: Sie macht das Nützliche immer wieder zunichte. Indem sie sich widersetzt, ist Cavareros Penelope allerdings nicht einsam, sondern in ihrem Tun erscheinen Spuren einer anderen, einer mütterlichen symbolischen Ordnung. Zusammen mit ihren Komplizinnen[15] hält sie die Erinnerung wach an etwas, das auch Homer nicht auslöschen kann: an ein anderes, sich nicht an immer neuen Abenteuern messendes Verständnis des menschlichen Daseins. Die Anspielung auf die moderne Frauenbewegung, die, als Gemeinschaft von Komplizinnen, Zeit-Räume schafft, innerhalb derer sich Frauen von der herrschenden Ordnung distanzieren können, ist leicht zu erkennen:

 

„In der Gestalt der Penelope finden wir ... einen Hinweis auf den Separatismus als politische Praxis (sc. des italienischen Feminismus), die sich weiblich bestimmte Orte und Zeiten wählt. Aber in der Penelopegestalt finden wir auch das Gefühl der Fremdheit gegenüber den patriarchalischen Ordnungsmustern, das in diesen Frauenräumen offen zum Ausdruck kommen kann – und jene Errungenschaft des Sich-Selbst-Angehörens, das im mit anderen Frauen geteilten Horizont des eigenen Geschlechts seine Verwurzelung findet.“[16]

 

Aber auch für Cavarero bleibt unbestritten: Die Rückkehr des Odysseus bedeutet das Ende widerständiger weiblicher Praxis. Sie stellt die patriarchale Ordnung wieder her. Penelopes absurd erscheinender Widerstand bleibt für Cavarero Episode. An Homers Autorität rührt sie nicht. Um dem Widerstand der Weberinnen doch noch Dauer zu verleihen, wählt sie Dantes Version der Geschichte und lässt Odysseus nach seiner Heimkehr zu einer neuen Reise aufbrechen. Für mich erliegt Cavarero damit der Versuchung, eine männliche und eine weibliche symbolische Ordnung einander als letztlich unveränderliche, unversöhnliche Grössen gegenüber zu stellen. Wirklich zufrieden scheinen die Frauen in ihrer Deutung erst, nachdem Odysseus endgültig verschwunden ist. Denn unbehelligt von patriarchalen Ansprüchen, nur noch ihrer eigenen Ordnung verpflichtet, können sie jetzt ihr Eigenleben entfalten:

 

„Jetzt, wo sie die Männer ihrem Abenteuer auf dem Meer überlassen haben, erlaubte der gemeinsame Horizont, vor dem sie ihr Leben teilten, einer jeden, sich in der anderen anzuerkennen und wiederzuerkennen. Sie webten und lachten zusammen, und die Ruhe ihrer Stube blieb ungestört.“[17]

 

Diese Deutung scheint mir charakteristisch für die Frauenbewegung der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu sein, in der die Praxis der sich ausdrücklich abschliessenden weiblichen Räume eine wichtige Rolle gespielt hat. Dass Penelope auf einen Neuanfang der Beziehung zum Mann und nicht auf seine erneute Abreise wartet, ist für Cavarero nicht wichtig. Diesen Aspekt der Geschichte spielt sie an den Rand, denn ihr geht es um den Raum, in dem Frauen einander finden und erkennen können und aus dem Männer ausdrücklich ausgeschlossen bleiben.

 

Heute stehen wir in der Frauenbewegung an einem anderen Ort. Frauenräume, wie sie Adriana Cavarero in die Mitte rückt, sind uns selbstverständlich geworden. Aber diese Räume öffnen sich wieder. Wir nehmen die wichtige Erkenntnis mit, dass Penelope nicht im Warten auf den Mann aufgeht. Wir haben es erfahren: auf den Märchenprinzen zu warten, um uns seinem Begehren auszuliefern, ist keine Lösung. Wir brauchen zwar die Webstuben, in denen wir ungestört eine andere Ordnung entstehen lassen, und wir werden sie weiterhin brauchen. Aber wir sehen auch: während Penelope sich mit ihren Freundinnen auf andere mögliche Regeln des Zusammenlebens besinnt, wartet sie gleichzeitig auf etwas, das ausserhalb der Webstube geschehen wird. Sie hält die Ordnung, in der sie zu leben versucht, und die Ordnung, in der Odysseus kämpft, nicht für unversöhnliche Gegensätze. Sie ist offen für Neues. Und sie weiss: es steht viel auf dem Spiel. Es steht das gute Weiter- und Zusammenleben auf dem Planeten Erde auf dem Spiel.

 

 Welt weben im ausgehenden Patriarchat

 

Im Januar 2007 waren wir zu zweit in Davos. Wieder als Beobachterinnen. Den Mut, uns mit Webstühlen vor die Tore des Kongresszentrums zu setzen, hatten wir noch nicht.

 

Ich stellte einen deutlichen Unterschied fest zwischen Davos 2006 und Davos 2007:

Beim World Economic Forum 2007 war der Klimawandel das beherrschende Thema. Alle, wirklich alle, schienen den Bericht des Sir Nicholas Stern[18] gelesen und den Film „An Unconvenient Truth“ von Al Gore gesehen zu haben. Während im vergangenen Jahr noch die meisten Davosmenschen einander versichert hatten, ein Zusammenhang zwischen dem Hurrikan Catrina, den Jahrhunderthitzesommern, den abschmelzenden Polen und dem CO2-Ausstoss der sechseinhalb Milliarden Erdenbürgerinnen und –bürger sei nicht erwiesen, fand im Jahr 2007 jedermann, da müsse „etwas getan“ werden.

Wird der Klimawandel Penelope zu Hilfe kommen? Wird er dazu führen, dass Männer verändert zu den Frauen zurückkehren? Wird es vielleicht bald möglich sein, dass die - zumindest einige - Davosmenschen uns zuhören? Wird Odysseus aus Krieg und Irrfahrt gelernt haben und zusammen mit Penelope etwas Neues erfinden – jenseits der nur vermeintlich friedlichen Geschlechterordnung, die wir kennen?

 

Homer berichtet, Odysseus habe der Penelope zugehört. Nicht nur er hat ihr ausführlich von den zwanzig Jahren erzählt, die sie beide getrennt verbracht haben, sondern auch sie ihm:

 

„Aber nachdem sich die beiden der Liebe erfreut, der ersehnten,

Freuten sie sich am Erzählen und sprachen noch lang miteinander.

Sie, wie viel sie ertrug in den Hallen, die hehre der Frauen,

Wie sie zusehn musste dem wüsten Schwarme der Freier

Wieviel Rinder sie da und fette Schafe geschlachtet,

Ihretwegen, und wie viel Wein aus den Krügen geschöpft ward.

Aber der zeusentsprossne Odysseus erzählte, wie viele

Leiden den Menschen er schuf, wie viel er selber erduldet...“[19]  

 

Was würden wir den Bankern denn erzählen, wenn sie uns zuhören würden? Darüber haben an einem Wochenende im April 2007 ungefähr fünfunddreissig Frauen nachgedacht, während sie auftrennten, webten und auftrennten, wirkliche Gewebe und zugleich das Gewebe Patriarchat auftrennten und die losen Fäden zu neuen Mustern verbanden.

 

Was haben wir ertragen in den Hallen?

Welchem wüsten Treiben haben wir zugesehen?

Was haben Männer – vielleicht uns zuliebe? – geschlachtet und verschwendet?

 

In den vergangenen Jahrzehnten haben wir kritischen Frauen vieles aufgetrennt. Wir haben die Beschaffenheit der verkehrten Ordnung Patriarchat verstanden, indem wir sorgfältig einzelne Fäden aus diesem harten, dichten Gewebe gezogen haben: die unbezahlte Hausarbeit, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen, sexuelle Ausbeutung, Genitalbeschneidung, weibliche Armut, Sexismus in der Schule, in der Kunst, in der Werbung, in Witzen, das vermännlichte Gottesbild, Militarismus, das Verschweigen weiblicher Traditionen, die durchgehende Trivialisierung weiblicher Fürsorgearbeit...

Wer sorgfältig und geduldig auftrennt, erkennt das Webmuster. Wer es nicht beachtet, wird Fäden zerreissen, statt sie zu ordnen, um sie später wieder zusammenzufügen. Wir haben erkannt: Nicht nur die Beziehungen zwischen Frauen und Männern gehorchen patriarchalen Regeln, die Wirkungen der Un-Ordnung reichen weit über die Geschlechterbeziehungen hinaus. Die notorische Überordnung sogenannt höherer, mit Männlichkeit assoziierter Sphären über „niedere“ Weiblichkeit bestimmt unser gesamtes kulturelles Gewebe, auch heute noch, im Zeitalter der Emanzipation. Sie bestimmt unseren Bildungsbegriff: Mathematik und Computer zählen mehr als Handarbeit und Hauswirtschaft. Sie bestimmt unser Konfliktverhalten: Zuschlagen gilt noch immer vielen als Königsweg der Konfliktlösung, zuhause wie in der vermeintlich grossen Politik. Sie bestimmt unsere gesamte Werteordnung: Geld bildet den Dreh- und Angelpunkt des ökonomischen Handelns, Davos wird immer reicher und rüstet auf mit immer mehr Polizei, während man in den Schulen die Fächer der Daseinskompetenz ganz allmählich wieder beachtet...

 

Vielleicht werden wir es eines Tages, Hauswirtschaftlerinnen, Philosophinnen und viele andere, doch noch wagen, uns mit Webstühlen vor die bewachten Tore des Davoser Kongresszentrums zu setzen, unbeeindruckt von wichtigen Mannen und knatternden Helikoptern, Steine werfenden Antiglobalisierungsgegnern und ratlos Champagner trinkenden Journalistinnen.

Oder es fällt uns etwas Anderes ein.

 



[1] Ina Praetorius 2006.

[2] Vgl. dazu: Ina Praetorius 2002, 108-122.

[3] Vgl. Ursi Senn-Bieri ua. 2003.

[4] Schüler sollen mehr werken und kochen, in: St. Galler Tagblatt vom 17. Mai 2010, 28.

[5] Homer 1984.

[6] Vgl. Platon  2001; vgl. auch Adriana Cavarero 1992, 25-51.

[7] Ellen Harlizius-Klück 2006.

[8] Victoria Josselyn Wohl 1993.

[9] John B. Van Sickle o.J. (Übersetzung I.P.)

[10] Eine literarische Verarbeitung dieser Tradition findet sich in: Inge Merkel 1989.

[11] Homer 1984, Verse 299-309.

[12] Homer 1984, 530f, Verse 542-544.

[13] Adriana Cavarero 1992, 25-51

[14] Ebd. 26.

[15] Ebd. 32.

[16] Ebd. 188.

[17] Ebd. 51.

[18] Nicholas Stern 2006.

[19] Homer 1984, Verse 299-307.

Dr. theol. Ina Praetorius ¦ Kirchenrain 10 ¦ CH-9630 Wattwil ¦ Tel +41 71 988 88 30 ¦